Da hochbegabte Kinder eine andere Denkstruktur besitzen, benötigen sie schon zu Kleinkindzeiten ein Umfeld, das ihnen ermöglicht, sich entfalten zu können.
Die Mehrheit der Eltern weiß sehr wenig über Hochbegabung, aber vor allem Erzieher und Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Kinderärzte und Kinderärztinnen, Schulpsychologen und Schulpsychologinnen, Psychologen und Psychologinnen, Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen, Psychiater und Psychiaterinnen haben so gut wie keine Ausbildung zum Thema Hochbegabung erhalten.
Hochbegabten Kindern werden die gleichen Anforderungen zugemutet wie normal begabten Kindern, sie erhalten oft Regeln, Verhaltenserklärungen, manchmal Therapien ohne Berücksichtigung ihrer hohen Intelligenz.
Die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft, bedingt durch das hohe abstrakt logische Denken, die schnelle Auffassungsgabe und das sehr gute Gedächtnis, liegen bei hochbegabten Kindern jedoch wesentlich höher. Die hohe Agilität wird ihnen häufig als Hyperaktivität unterstellt und wenn sie bei langweiligen und stumpfsinnigen Arbeiten geistig abschalten, haben sie ADS. Wenn es schlimm kommt, wird die Diagnose ADHS oft sehr oberflächlich und leichtsinnig gestellt (ohne Intelligenztest) und wenn Eltern sich nicht zu wehren wissen, bekommen die Kinder über Jahre hinweg Psychopharmaka verschrieben, damit sie ähnlich reagieren wie normal begabte Kinder. Geistige Herausforderungen würde ihnen helfen!
Schon in den ersten Kindergarten- und Schulzeiten erfahren sie, dass ihre Fähigkeiten nicht erwünscht sind. Die hochbegabten Mädchen versuchen sich still und/oder verzweifelt der Norm anzupassen, häufige Folge: psychosomatische Störungen. Die hochbegabten Jungen neigen eher dazu, ihre Bedürfnisse durch ,Verhaltensauffälligkeiten' zu signalisieren.
Nur psychisch sehr stabile Kinder sind in der Lage, sich bemerkbar zu machen. Für viele hochbegabte Kinder beginnt mit Eintritt in die Schule ein Prozess der Persönlichkeitsveränderung, psychosomatische Störungen behindern ihr Leben, die Unlust zum Lernen wächst, die Motivation, das kleine Leben mitzugestalten, erlischt. Das Unglück ist allein durch die Körpersprache bei vielen Kindern zu beobachten. Eltern, Erzieher, Lehrer und Psychologen stehen ohne Informationen zum Thema Hochbegabung vor einem Rätsel.
Oft aus Unwissenheit werden Therapien verordnet oder sogar eine stationäre Aufnahme in einer Klinik empfohlen. Unausgebildete Psychologen und Psychologinnen zu diesem Thema können die anderen Bedürfnisse hochbegabter Kinder nicht erkennen. Eine geistige hohe Befähigung durch Therapien beseitigen zu wollen, schädigt die Kinder weiter. Kein Mensch käme auf die Idee, ein schwach begabtes Kind zu therapieren mit der Zielsetzung: Wie werde ich normal.
Hochbegabte Kinder gewinnen den Eindruck, ein Fremdkörper in der Gesellschaft zu sein. Aber gerade für diese Gesellschaft sollen sie sich später einmal einsetzen. Lehrkräfte glauben an eine falsche Erziehung im Elternhaus, Eltern beklagen die Nichtförderung in der Schule und andere gleichaltrige Kinder verstehen die Interessen hochbegabter Kinder nicht und lehnen sie oft ab. Aber auch hochbegabte Kinder lehnen Freundschaften mit Gleichaltrigen ab, da auch im Spiel die geistigen Unterschiede sich bemerkbar machen.
Nicht selten spielen dabei Neid und Missgunst eine unbewusste Rolle.
Der Schulstoff ist für hochbegabte Kinder keine Anforderung, und doch müssen sie sich über Monate mit für sie einfachsten Dingen beschäftigen. Oft nur noch bei neuen Themen beteiligen sie sich am Unterricht. Permanentes Abschalten bei Wiederholungen in der Schule führt oft zu tatsächlichen Wissenslücken. Würde der Unterricht ihre Denkprozesse anregen, wären hochbegabte Kinder zufriedener und glücklicher. Sie würden ja gerne lernen, jedoch nicht mit dieser ständig erklärenden, wiederholenden Methode.
Das Selbstwertgefühl vieler hochbegabter Kinder erleidet erhebliche Einbrüche, denn Selbstwertgefühl entsteht aus der täglichen Arbeit. Irgendwann glauben sie, sie seien aufgrund der vielen Erklärungen und Wiederholungen, die von ihnen verlangt werden, dumm.
Hochbegabte Kinder wissen nicht, dass sie hochbegabt sind, sie können normal begabte Denkstrukturen nicht nachvollziehen. Erst im Erwachsenenalter können sie erkennen, dass erhebliche geistige Unterschiede die Menschen prägen.
Text: Copyright: © Jutta Billhardt
